Menschen lassen sich lieber durch gut gemachte Geschichten zu einem gewünschten Tun inspirieren als durch nüchterne Daten und trockene Fakten. Jedes Unternehmen hat interessante Storys parat. Werden diese stimmig erzählt, machen sie einen Arbeitgeber alsbald zum Mythos. Doch vor dem Storytelling steht das Storylistening. Hiermit sollten wir uns ausführlich befassen.
Wahre Geschichten machen ein Unternehmen einzigartig. Sie erzählen, wie die Menschen dort ticken. Sie zeichnen ein realeres Bild als jede Hochglanzbroschüre. Geschichten sorgen für Wärme und Nähe. Pure Fakten hingegen vermitteln kühle Distanz. So sind wahre Geschichten nicht nur für das innerbetriebliche Miteinander, sondern auch für die Arbeitgeber-Reputation und das Recruiting hochinteressant.
Stimmiges Storytelling ist im HRM von strategischer Relevanz. Es kann
- sämtliche Personalentwicklungsmassnahmen intensiv unterstützen,
- Aus und Weiterbildungsprogramme sehr überzeugend gestalten,
- die Mitarbeitenden für Unternehmenswerte und -ziele begeistern,
- deutlich machen, wie die Unternehmenskultur tatsächlich gelebt wird,
- notwendige Veränderungen verständlich und annehmbar rüberbringen,
- Führungskräften bei Transformationsprojekten eine grosse Hilfe sein,
- das Employer Branding begleiten und Recruiting-Erfolge verbessern.
Geschichten und alles Emotionale haben Vorfahrt im Kopf. Nicht derjenige mit den besten Argumenten überzeugt, sondern derjenige, der die passendste Story erzählt.
Geschichten beflügeln die Arbeit mit Menschen
Geschichten ziehen uns wie magisch in ihren Bann. Sie machen neugierig und fesseln die Aufmerksamkeit. Sie lockern auf und entspannen. Sie spornen an und stiften Sinn. Sie steigern die Überzeugungskraft und aktivieren. Sie machen komplizierte Zusammenhänge verständlich und werden besser behalten. Sie fördern das Zuhören, das Verstehen und das Zustimmen. Sie zeigen mögliche Wege auf, ohne uns zu bedrängen.
Vor allem komplexe Sachverhalte brauchen griffige Narrative, um im Oberstübchen Fuss zu fassen. Wem etwas undurchsichtig erscheint, der verweigert sich und schaltet ab. Meisterliches Storytelling hingegen nimmt uns die Angst vor dem Unbekannten. Erfolgsgeschichten erzählen, wie Neues sich in unser Leben integriert und welchen Nutzen das dem Einzelnen und der unternehmerischen Gemeinschaft als Ganzes bringt.
HRM auf der Suche nach guten Geschichten
Wirkungsvolle Geschichten, die weitererzählt werden können, entstehen nicht einfach so. Auf der Basis von wahren Begebenheiten werden sie nach allen Regeln der Kunst komponiert. Im Einzelnen geht es hierbei um
- Wer-wir-sind-Geschichten,
- Wo-wir-herkommen-Geschichten,
- Wie-wir-die Unternehmenskultur-leben-Geschichten,
- Wie-es-den Mitarbeitenden-ergeht-Geschichten,
- Wo-wir-hin-wollen-Geschichten.
Suchen und sammeln Sie solche Geschichten und bereiten Sie diese ansprechend auf, um sie zum Beispiel im Recruiting einzusetzen. Platzieren Sie in Inseraten auch gut gemachte Geschichten – statt der üblichen Bulletpoints. So stechen Sie aus der Masse der gleichartigen Anforderungsprofile wohltuend heraus.
Nur authentische Storys haben echten Erfolg
Schicken Sie, um diese systematisch zu sammeln und einen Fundus anzulegen, einen talentierten Kollegen als Interviewer herum. Oder veranstalten Sie Geschichten-Erzählwettbewerbe. Oder bitten Sie ausgewählte Personen gezielt, in firmeninternen Formaten, etwa in Videos oder einem hauseigenen Podcast, authentisch von sich und ihrer Arbeit zu berichten. So können ganze Employer-Branding-Kampagnen entstehen.
Demgegenüber verfehlen konstruierte PR-Storys ihre Wirkung total. Kaum jemand lässt sich davon noch blenden. Die Zeiten, in denen man mit blumigen Worten der Welt etwas vorgaukeln konnte, sind längst vorbei. In Wahrheit sei alles ganz anders gelaufen, berichten frustrierte Mitarbeitende unverhohlen im Web. Und Bewerber, die von aufgeplüschten Show-Geschichten angelockt wurden, sind gleich wieder weg.
Fundiertes Storylistening: die notwendige Basis
Ein Unternehmen kann nur dann die Zukunft erreichen, wenn es die wahren Ursachen für bestehende Hemmnisse und Blockaden kennt. Denn nur dann kann es die richtigen korrigierenden Massnahmen ergreifen. Doch auf den Vorderbühnen, wo also das „Offizielle“ gesagt und getan wird, werden die Manager solche Wahrheiten nicht erfahren. Aus vielerlei Gründen präferieren Mitarbeitende wohlgesonnene Chefs.
Sprich: In Unternehmen mit „oben und unten“ wird es meistens erwünschte Antworten geben. Auch durch Mitarbeiterzufriedenheitsbefragungen bekommt man die Wahrheit nicht raus. Solche Umfragen geben, auf Basis eigener Hypothesen, Antworten zum Ankreuzen vor. Statt wertvolle, tiefgründige, weiterbringende Darlegungen von den Mitarbeitenden zu erhalten, werden diese zu Kreuzchenmachern degradiert.
Geschichten ernten: die 1-2-4-alle-Methode
In meinem neuen Buch präsentiere ich eine ganze Reihe narrativer Methoden, um an die tatsächlichen Ursachen etwaiger Probleme heranzukommen und wahre Geschichten zu ernten. Denn „offiziell“ trauen sich viele „lieber nicht“ mit der Sprache heraus. So bietet die 1-2-4-alle-Methode einen Ausweg aus diesem Dilemma. Sie stellt sicher, dass jeder freiheraus von Hindernissen erzählen und Verbesserungsvorschläge einbringen kann.
Wie das geht? Zunächst überlegt sich jeder eine Geschichte, die er beisteuern möchte. In Zweiergesprächen erzählt man sich gegenseitig die ausgewählte Geschichte und teilt seine Ideen. In Vierergruppen werden alle Geschichten untereinander ausgetauscht und geschärft. Danach werden die aufschlussreichsten Geschichten und wichtigsten Optimierungsideen anonymisiert im Plenum mit allen gemeinsam besprochen.
Ein Beispiel: 1-2-4-alle im Fehlermanagement
Das Fehlermanagement verbessert sich am schnellsten über das Geschichtenerzählen. Die Ausgangsfrage klingt etwa so: „Erzähl uns doch mal, was in einem konkreten Fall passiert ist, als du jüngst einen grösseren Fehler gemacht hast, und wie deine Kollegen oder die Führung darauf reagierten. Wie hättest du dir das Verhalten besser gewünscht? Was lernst du persönlich aus diesem Fehler? Was lernt die Firma als Ganzes daraus?“
Meist ist eine besondere Stille und Ergriffenheit im Raum zu spüren, wenn eine Geschichte bewegende und berührende Momente offenbart. Oft sind es Geschichten, die die Kollegen so noch nie hörten. Zweierlei bewirkt solch episodisches Erzählen immer: Es schweisst alle stärker zusammen und die wahren Ursachen, die oft nicht bei den Menschen, sondern im organisationalen System liegen, kommen endlich heraus.
Das neue Buch der Autorin
Anne M. Schüller
Narrative für eine bessere Zukunft
Wie kraftvoll erzählte Geschichten unser Leben und die Arbeitswelt positiv wandeln
Das Buch können Sie hier bei hrmbooks.ch beziehen.
Die Autorin
Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für das narrative Touchpoint Management und eine zukunftsorientierte Unternehmensführung. Zu diesen Themen hält sie Impulsvorträge auf Tagungen, Fachkongressen und Online-Events. 2015 wurde sie für ihr Lebenswerk in die Hall of Fame der German Speakers Association aufgenommen. Beim Business-Netzwerk Linkedin wurde sie Top-Voice 2017 und 2018. Von Xing wurde sie zum Spitzenwriter 2018 und zum Top Mind 2020 gekürt. 2024 wurde sie als Unternehmerin der Zukunft ausgezeichnet. www.anneschueller.de

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