Human Resource Management

Wie gut ist die Digitalisierung für die Arbeitswelt wirklich?

Es ist erstaunlich, wie unkritisch die Digitalisierung oft geradezu als Heilsbringer der Arbeitswelt 4.0 vielerorts gesehen und Gefahren und Risiken völlig ignoriert werden. Und wehe, es wagt jemand Kritik, dann wird er schnellstens als digitaler Maschinenstürmer beschimpft. Wir tun es dennoch. Mit diesem Beitrag möchten wir einen bewussten Gegenpol bilden.

Die Digitalisierung schreitet weltweit voran. Um es vorweg zu nehmen: Vieles ist durchaus positiv: Einsparung von Ressourcen, mehr und genauere Facts und Figures als Entscheidungsgrundlagen, Effizienzsteigerung der Prozesse, die Vielfalt der Kommunikationskanäle, Objektivierung von Beurteilungen und vieles mehr. Auch in der Medizin, Forschung und Demokratisierung der Informationen, um nur einige Beispiele zu nennen, sind die Auswirkungen positiv und eröffnen völlig neue Chancen und Innovationen.

Es geht nicht darum, die Digitalisierung an sich in Frage zu stellen oder anzuprangern. Aber ihr völlig unkritisch gegenüber zu stehen, ist falsch und langfristig gefährlich. Geradezu missionarisch wird der glückselig machende Wandel auch vom Management gepredigt – doch was dies für Mitarbeiter konkret heisst und was auf sie zukommt interessiert wenig.

«Die Zukunft ist furchterregend und sehr schlecht für den Menschen», so die düstere Vorhersage sogar von jemandem wie dem Apple-Mitbegründer Steve Wozniak und Stephen Hawking, der Physiker der Universität Cambridge und einer der intelligentesten Menschen, sieht die KI gar als Bedrohung für die Menschheit. Norbert Thom, Professor Universität Bern: „Es gibt ein Beharrungsvermögen im Menschen, das immer wieder hervorbricht. Wenn die Digitalisierung überstrapaziert wird, könnte das zu einer Verweigerungshaltung führen“. (Im Fachjargon spricht man von Änderungswiderstand).

Digitalisierung entgleitet unserer Kontrolle

Die Digitalisierung einigen wenigen privaten IT-Konzernen zu überlassen, ist geradezu fahrlässig.

Es müssen Grenzen gezogen werden, es muss mehr kritisch hinterfragt und die Verhältnismässigkeit von Einsatz und Einfluss auf Entscheidungsprozesse bewahrt werden. Die Technologie der Digitalisierung entgleitet immer mehr unserer Kontrolle und wird einigen wenigen privaten Digitalkonzernen überlassen, welche wenig Verantwortungsbewusstsein für gesellschaftliche Fragen und Konsequenzen haben. Die Arbeitswelt und die Lebensweise von uns allen wird auf den Kopf gestellt, unsere Rolle jedoch ist die passiver Zuschauer, die dies über sich ergehen lassen.

Messbarkeits- und Kontrollwahn

Diverse Forschungen, beispielsweise vom Münchner ISF-Institut, belegen, dass die Digitalisierung in nicht wenigen Unternehmen immer mehr auch dazu benutzt wird, Akkordleistungen, Stress, Standardisierung, Kontrolle und Überwachung an den Arbeitsplätzen einzuführen und zu perfektionieren. Auch in Büros und bei qualifizierten Jobs werden „digitale Fliessbänder“ errichtet. Die Leistungsmessung reicht von der Aufzeichnung der PC-Maus-Bewegungen über die Anzahl Tastenschläge bis hin zur Überprüfung der Herzfrequenz von Mitarbeitern. Dies wird psychische Erkrankungen und Demotivation weiter verstärken und die Mitarbeiterbindung schwächen.

Triebfedern der Digitalisierung

Die Interessen von milliardenschweren Investoren im Silicon Valley und einigen Youngstern, welche die Arbeitswelt als Spielball technologischer Allmachtsfantasien sehen und ohne jegliche ethischen und politischen Guidelines the next big thing anstreben, sind mit Sicherheit nicht eine bessere Arbeitswelt, sondern mehr Profite mit ihren Investitionen. Es werden einem Tsunami gleich in den nächsten 10 Jahren 50% oder gar mehr der Arbeitsplätze hinweggefegt, ohne sich auch nur im geringsten über die immensen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen im klaren zu sein. Politik und Gesellschaft sind von dieser Entwicklung ausgeschlossen und werden permanent vor vollendete Tatsachen gestellt. Das ist gefährlich – für die Arbeitswelt und unsere Demokratie.

Neue Formen der Ausbeutung

In den Crowdworking-Portalen zeigt sich schon heute eine ebenfalls unerfreuliche Entwicklung: Immer mehr Menschen verkaufen ihre Arbeitskraft nach dem System der Auktion mit „Häppchenjobs“ weit unter deren Wert an Meistbietende – ohne jede soziale und arbeitsrechtliche Absicherung. Sie werden einem globalen Arbeitsmarkt ausgesetzt, der nur die Billigsten, Besten und Schnellsten berücksichtigt. Die Mehrheit sind Verlierer, sie bleiben auf der Strecke.

Lebensdaten als Produkt

Die Digitalisierung hat ein neues Produkt geschaffen: Lebens- und Mitarbeiterdaten werden mit dem Instrument des Big Data von Facebook, Google & Co. und auch Unternehmen verwendet und vermarktet. Diese Daten werden nicht nur ohne Bezahlung verwertet, Datengeber bzw. User werden auch im Ungewissen gelassen, welche dies sind und was mit ihnen gemacht wird.

User wissen oft nicht einmal, welche ihrer Daten wofür verwendet werden.

Im Fall des HR: Beispielsweise wird das Verhalten berechenbar, kündigungswillige Mitarbeiter können eruiert und neben der Norm liegende Verhaltensweisen sofort unter die Lupe bzw. in den Algorithmus-Recher genommen werden.

Risiko von Fehlentscheidungen 

Unter dem Begriff von Predictive Analytics (Vorhersage komplexer wirtschaftlicher Zusammenhänge zur besseren Entscheidungsfindung) automatisieren Big Data und künstliche Intelligenz Informationen und Entscheidungen in Zukunft auch im HR immer mehr. Besonders gefährlich wird es, wenn Entscheidungen von sehr weit fortgeschrittener KI nicht mehr nachvollzogen werden kann und diese sich selbstlernend weiter entwickelt. Diese Gefahr bleibt weitgehend unerkannt, aber der naive Glaube an die Unfehlbarkeit steigt weiter an.

Missbrauchs- und Manipulationsgefahren 

Mit immer mehr Daten steigt auch das Missbrauchspotenzial und Manipulations- und Täuschungsmöglichkeiten in der Arbeitswelt. Zudem lässt sich die Datenqualität und -zuverlässigkeit oft nur schwer verifizieren, was wiederum das Risiko von fehlerhaften Analysen erhöht.

Fehlerhafte Daten können zu folgen-schweren Fehlent-scheidungen führen.

Im Internet der Dinge werden sehr bald Sensoren eingesetzt, um Echtzeitdaten von Mitarbeitern in Leistung, Verhalten, Kommunikation und mehr zu erheben.  Immer raffiniertere und leistungsfähigere Big Data Modelle ermöglichen immer präziser und detaillierter das Verhalten und gar Einstellungen vorauszusagen.

Was zu tun ist

Das völlig unkontrollierte und gesellschaftlicher Mitwirkung abgekapselte Voranschreiten der Digitalisierung – auch, aber nicht nur in der Arbeitswelt – muss wesentlich stärker unter demokratische, arbeitsrechtliche und politische Kontrolle und Einflussnahme gestellt und nach dem bewährten Rezept der sozialen Marktwirtschaft mit neuen Gesetzen und Einschränkungen reglementiert werden. Auch die Selbstregulierung, wie beispielsweise in der Genforschung praktiziert, ist ein Weg. Wie unsere Arbeitswelt umgekrempelt wird, sollte nicht länger von Nerds im Silicon Valley bestimmt werden, sondern nur noch unter Einbezug von Politik, Arbeitnehmern und Konsumenten stattfinden.

Hilflose Politik ohne Handlungsperspektiven

Niemand, zuallerletzt die Politik, hat Handlungsoptionen, was bei und nach der Vernichtung von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen geschieht. Von den versprochenen neuen Jobs ist dieses Mal auch weit und breit nichts zu sehen. Auch der oben zur Sprache gekommene fragwürdige Einsatz vieler Tools als Überwachungs- und Kontrollinstrumente wird kaum thematisiert und sowohl Zuständige des Arbeitsrechts wie auch der Persönlichkeitsrechte und des Datenschutzes scheinen diese Entwicklung zu verschlafen oder nicht einmal zu erkennen.

Digitale Entwicklungen müssen viel kritischer hinterfragt und reguliert werden und es muss auf Risiken und Bedrohungen hingewiesen werden. 

Unsere Zukunft in Arbeitswelt und Gesellschaft darf nicht einer kleinen Anzahl von privaten IT-Kolossen und euphorischen Tüftlern im Silicon Valley überlassen werden, als wären es Sandkastenspiele. Es liegt in der Verantwortung aller, von Unternehmen über die Politik bis zu kritischen Mitarbeitern und Bürgern, vom Autopiloten auf die manuelle Steuerung des technologischen Fortschritts umzuschalten. Vor allem auch das Human Resource Management ist aufgerufen, hier warnender und kritischer einzugreifen und zu hinterfragen.

Ein sehr lesenswerter Beitrag zur Problematik der Digitalisierung ist dieser Beitrag „Arbeit: Nicht alle wollen flexibel sein“ in der Sonntagszeitung vom 23. Juli 2017

Wie stehen Sie zu dieser Thematik und Entwicklung? Ihr Kommentar und Ihre Meinung interessiert uns von hrpraxis.ch und unsere Leser.

 


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