Human Resource Management

Wird die Digitalisierung auch im HR zur Heilslehre?

Auch das HR ist nun endgültig im Sog der Digitalisierung und Technologisierung. Personaler müssen digitale Kompetenzen erweitern, Big Data und Algorithmen werden als die neuen unfehlbaren Recruiter gefeiert und wer auf Social Media nicht präsent ist, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen.

Eines sei klar gestellt: Die Digitalisierung bringt ökonomisch viele Vorteile: Prozesse werden vereinfacht, die Informations- und Kommunikations-Vielfalt wird grösser, wichtige Analysen sind objektiver, schneller und genauer möglich und Jobbörsen bieten für Arbeitnehmer und Arbeitgeber erhebliche Verbesserungen, beispielsweise mit neuen Matching- und Selektionsmöglichkeiten, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Nur kann man sich zuweilen des Eindrucks nicht erwehren, als habe man nun den Gral des allumfassenden Erfolges auch für das Human Resource Management gefunden. Die Digitalisierung vielerorts als das neue Evangelium gefeiert. Vor allem in den USA nimmt die Digitalisierung immer stärker Formen einer neuen Heilslehre an, die daherkommt, als wäre sie die Lösung für alle Probleme dieser Welt.

Wir meinen, es ist höchste Zeit, die Sache einmal kritisch zu betrachen und den hohen Preis zu sehen, den wir für diese Entwicklung bezahlen.

Digitalisierung bringt selten substanzielle Verbesserungen

Im Kern hat die Digitalisierung bei näherem Hinsehen nebst zahlreichen
Verbesserungen eben auch fragwürdige Prioritäten und Fokussierungen. Sie
dient vielfach nur dazu, Prozesse zu optimieren, Kosten einzusparen,
Effizienzsteigerungen zu erzielen, Personalkosten zu senken, Ressourcen zu sparen und zu steuern und mehr.

Doch das ist keine unternehmerische Substanz und bietet ebenso keine
substanziellen Mehrwerte für Kunden, Mitarbeiter und Unternehmen.
Qualitative Ziele wie verbesserte Serviceleistungen, erhöhte Sozial und Kommunikationskompetenzen, konsequentere Kunden- und Mitarbeiterorientierung, mehr Sinnstiftung in Jobs und Arbeit sind nur einige wenige Beispiele substanzieller Aspekte – doch keiner davon wird durch die Digitalisierung verbessert, im Gegenteil oft eher verschlechtert oder noch stärker vernachlässigt als früher.

Soziale Medien – Erwartungen im HR nicht erfüllt

Social Media-Präsenzen bringen oft nicht den erhofften Erfolg oder zumindest nicht, der im Verhältnis zum Aufwand und zu Kosten stehende. Substanzielle Dialoge oder Aktivitäten sind eher selten zu finden und viele HR-Facebook-Accounts sind mittlerweile verwaist. Nicht wenige Recruiter und Arbeitgeber, genaue Zahlen gibt es nicht, haben sozialen Medien den Rücken gekehrt und wissen heute: Ausser Spesen nichts gewesen.

Erfolge sind oft zweifelhaft und dürftig

Doch an der Digitalisierung Kritik zu üben und ihre Entwicklungsrichtungen in Frage zu stellen, getraut sich kaum jemand, man könnte ja als digitaler „Maschinenstürmer“ gebrandmarkt werden. Aber es stimmt eben: Algorithmen sind nicht selten fehlerhaft und führen zu falschen Schlüssen, die künstliche Intelligenz ist auch heute weit davon entfernt, wirklich intelligente oder komplexe Leistungen zu erbringen und ein grosses Risiko besteht in der Tatsache, algorithmisierte Entscheidungen und Prozesse oft gar nicht mehr nachvollziehen und verstehen oder gar stoppen zu können. Hinzu kommt der soziale Aspekt: In Freelancer-Portalen verschenkt man Arbeitskraft, versteigert sie und verkauft sie oft unter Wert an den Meistbietenden.

Kommunikationsprobleme nehmen zu

Die Digitalisierung lässt Unternehmen im  trügerischen Glauben, die Kommunikation zu verbessern, aber in Tat und Wahrheit verliert sie an Substanz und setzt falsche Akzente. Die neuen Kommunikationskanäle reduzieren Ausdrucksformen und lassen sie teilweise gar verkümmern. Gesprächsbereitschaft, kommunikative Kompetenzen, die emotionale Intelligenz, die Ausdrucksfähigkeiten und dergleichen nehmen ab. Emoticons und Likes benötigen eben nur einen Klick. Sich empathisch in die Lage des Mitarbeiters zu versetzen und seine Ängste zu verstehen, braucht mehr – nur dafür gibt es keine Icons.

Die gigantische Vernichtung von Arbeitsplätzen

In den USA sind gemäss relativ zuverlässigen Schätzungen zurzeit 47 Prozent aller Arbeitsplätze durch die Digitalisierung vom Wegfall bedroht. Oft wird behauptet, es würden viele neue Arbeitsplätze entstehen, nur kann kaum jemand auch nur einigermassen konkrete Beispiele nennen. Viele Arbeitsplätze gehen unwiderruflich verloren und neue digitale Berufe erfordern nur noch einen Bruchteil der bisher benötigten Arbeitskräfte.

Wir
sollten die wichtigen Entscheidungen nicht denjenigen überlassen, die
durch die Automatisierung reich werden – schließlich ist kaum zu
erwarten, dass sie ihren Wohlstand mit jenen teilen werden, die durch
sie ihren Job verlieren. Vielmehr liegt es in unserer Verantwortung, vom
Autopiloten auf die manuelle Steuerung des technologischen Fortschritts
umzuschalten. Noch liegt das in unserer Macht. Wer am Wohlergehen der
Gesellschaft interessiert ist, kommt an einer Einschränkung der
Automatisierung nicht vorbei.

Weder Politik noch Unternehmen haben auch nur annähernd Vorstellungen davon, was die Alternativen sein könnten oder wie man die auf uns zukommenden Probleme nur schon ansatzweise in den Griff bekommen könnte. Man kennt sie zum Teil nicht einmal. Den Silicon Valley-Startups und Hohepriestern der Digitalisierung ist es egal und die Politiker sind überfordert.

Das Ende der Privatheit

Digitalisierung lebt von unseren Daten, und zwar jenen von Mitarbeitern und Konsumenten. In Unternehmen verleiten digitale Technologien zur totalen Kontrolle, zur lückenlosen Überwachung und zum Verlust jeglicher Privatheit – Datenschutz wird zur Farce. „Im Austausch für eine kostenlose App machen wir uns zu willigen Opfern von Spionage und kommerzieller Ausbeutung“, sagt der Autor Andrew Keen in seinem lesenwerten Buch „Das digitale Debakel“. Ähnlich könnte dies bald auch in Unternehmen sein. Big Data ermöglicht schon heute Voraussagen wahrscheinlicher Kündigungen von Mitarbeitern oder Symptome nachlassender Loyalität im E-Mail-Verkehr und Postings.

Fazit

Soll man das Rad zurückdrehen, die Digitalisierung stoppen und sich ihr verweigern? Nein, mit Sicherheit nicht. Sie bietet zu viele Vorteile und ist schon heute in zu vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken.

Was wir aber dringend machen müssen: Ihr den Heiligenschein nehmen, die Konsequenzen kritisch und transparent prüfen, Politik und Wirtschaft in die Pflicht nehmen, die Gesetzgebung aktualisieren und die Digitalisierung dort stoppen, wo sie nur vernichtet, aber keine neuen sinnvollen Werte schafft.

Silicon Valley-Unternehmen, die ohne gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein ihre disruptiven Geschäftsmodelle „auf den Markt werfen“, vernichten tsunamiartig Arbeitsplätze für fragwürdige Optimierungen. Sie bedenken die Folgen ihres Tuns nicht, müssen keine Verantwortung übernehmen und werden von Politik und Gesetzgeber nicht in die Pflicht genommen.

Der Wirtschaftsjournalist Nicholas Carr sagt es in seinem Buch „Abgehängt“ deutlich: „Wir sollten die wichtigen Beiträge begrüssen, die Computerunternehmen mit der Digitalisierung für das Wohlergehen der Gesellschaft leisten können, aber wir sollten nicht die Interessen dieser Unternehmen für unsere eigenen halten.“ Weiter: „Es liegt in unserer Verantwortung, vom Autopiloten auf die manuelle Steuerung der Digitalisierung umzuschalten. Noch liegt das in unserer Macht. Wer am Wohlergehen der Gesellschaft interessiert ist, kommt an einer Einschränkung der Automatisierung nicht vorbei“.

Letztlich sind aber auch Nutzer und Konsumenten aufgerufen, digitale Angebote kritischer zu prüfen, sich der Folgen bewusster zu werden, mit Daten vorsichtiger umzugehen und Missbräuche zu boykottieren. Dafür sind soziale Medien bestens geeignet 🙂

 


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